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Drinnen bleiben von Gesine Kulcke

[erschienen in der Online-Ausgabe von 11 Freunde. Magazin für Fußball-Kultur]

Egal was, egal wo. Auch neulich im Zug wieder. Da guck ich mich um. Nur so'n bisschen, und schon liegt das Heft in meiner Hand, mobil, und vorne drauf: Buchpremiere: "Sie da oben, er da unten." Bahnhof, denke ich. Ist doch klar. Aber nichts da, alles ganz privat: Cordula Stratmann erzählt, wie ein Mann seine Frau umbringt. Und darüber soll ich lachen. Die tote Frau hat nämlich nach ihrem Tod jede Menge Spaß im Himmel, also gleich nachdem sie als Leiche die Rechtsmedizin besucht hat, wo der Gerichtsmediziner Dr. Marzahn ihr über die stacheligen Schienbeine streicht und erklärt: "Starken Haarwuchs hatte unser Mädchen hier." So ein Satz macht die Frau, die alles mitkriegt, obwohl sie tot ist und Sabine heißt, natürlich furchtbar wütend. Aber Dr. Marzahn die Meinung sagen, das kann sie nicht.

In Stuttgart ist das auch so. Schlimmer noch. Da dürfen nicht einmal mehr die Lebenden sagen, was sie meinen. Es brauchen sich nur ein paar Menschen auf öffentlichen Plätzen zu versammeln, sofort wird alles eingezäunt. Dass da ja keiner irgendwem zu nahe kommt. Bannmeilen sage ich, so was hat man noch nicht gesehen. Neulich vorm Landtag wieder. Hunderte von Metern. Absperrgitter überall. Auch im Ententeich.

Oder im Stadion. Ne Rote auf Karte gibt′s da, aber keine Meinungen. Wir sind ein unpolitischer Verein, heißt es. Mit Erwin Staudt an der Spitze, Botschafter der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und aktives SPD-Mitglied in Baden-Württemberg. Aber mal ehrlich, wussten Sie überhaupt, dass es eine SPD in Baden-Württemberg gibt? Na also. Und Dieter Hundt? Reiner Wirtschaftsvertreter. Der ist für Wohlstand. Mehr nicht. Genau wie Stefan Mappus. Ist der überhaupt Vereinsmitglied? Also wir sind offiziell. Ganz offiziell: Fanclub Rote Karte ­ Parkschützer für den VfB Stuttgart.

Ende September hat man uns die Hände geschüttelt. Man hat uns für die offizielle VfB-Internetseite fotografiert. Wir sollten erzählen, woher wir kommen, und wohin wir gehen. Haben wir gesagt, wir haben nichts ausgelassen. Auch von den Bäumen im Schlossgarten haben wir erzählt. Die, unter denen wir uns kennen gelernt haben und von denen inzwischen 25 fehlen. Wir haben auch gesagt, dass wir kein Stuttgart 21, sondern oben bleiben wollen. An einem Samstag war das. In der Geschäfts- stelle. Alle haben nett gelacht, und nachdem alles klar war, von unser Seite meine ich, gab's die offizielle Urkunde. Einlaminiert. Da kann auch mal Wasser drauf. Ohne dass gleich alles verwischt und ungültig wird.

Im Park war sie trotzdem nicht dabei, an dem Donnerstag, an dem alles so nass wurde, weil diese Schüler meinten auf den Wagen mit den Absperrgittern klettern zu müssen. Die Gitter hatte die Polizei mitgebracht, um den Park abriegeln und dann in Ruhe die 25 Bäume fällen zu können, unter denen wir uns kennen gelernt haben. Die, die nicht auf den Wagen passten, wie gesagt, da waren ja noch die Absperrgitter drauf, stellten und setzten sich vor den Wagen. Und dann dieses Geschrei: "Wir sind friedlich, was seid ihr!?" Da muss die Polizei natürlich ran. Von jetzt auf sofort, ganz plötzlich, immer schön aufs Auge, dass keiner mehr erkennen kann, wo's langgehen soll. Aus dieser unvermittelten, eskalierten Situation, musste für Stefan - inzwischen äußerst verdient mit dem Goldenen Schlagstock ausgezeichnet - gerettet werden, was geht. Trotz der bescheidenen Ausrüstung, die da zufällig neben dem Wagen mit den Absperrgittern parkte: vier Wasserwerfer und einige Hundertschaften aus Rheinland-Pfalz, Hessen, dem Saarland, Bayern und Baden-Württemberg. Und für jeden einen Helm, einen Stock und Spray.

Aber unsere einlaminierte Urkunde hatten wir ja wie gesagt gar nicht dabei. Die blieb unversehrt und damit gültig. Deshalb dachten wir ja auch, es sei völlig in Ordnung das Banner für das Heimspiel gegen Frankfurt zu malen. "Oben bleiben VfB" sollte da drauf. Und natürlich haben sie das sofort erlaubt. So unpolitisch wie sie sind. Doch dann - nachdem wir schon sechs Meter Stoff zugemalt hatten - rief plötzlich einer an und erzählte beim letzten Spiel in Odense, das ist in Dänemark, hätte es Vorkommnisse gegeben. Gegen Stuttgart 21. Oder waren es Vorfälle? Auf jeden Fall ginge das mit dem "Oben bleiben" nach diesen Vorkommnissen jetzt nicht mehr. Wir sollten doch "Drinnen bleiben" auf unser Banner schreiben. Drinnen bleiben, jetzt mal sportlich gesehen, gerade auch als Offizieller Fanclub: Drinnen bleiben, obwohl wir nach oben wollen? Geht′s noch? Ja, es geht noch schlimmer, wie sich zwei Wochen später beim Heimspiel gegen St. Pauli herausstellt. Der Sicherheitsdienst nimmt uns an den Stadioneingängen Buttons ab: Buttons auf denen Juchtenkäfer darum bettelten, oben bleiben zu dürfen. Mit dieser unpolitischen Vereinsspitze bleiben wir weder oben noch drinnen, sondern gehen kläglich vor die Hundte.